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Ralph Lenkert
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Frage von Yve K. •

Welches Ziel soll die Impfpflicht in Bezug auf das Eindämmen der COVID-Pandemie erreichen?

Lieber Herr L., mich interessiert, welches Ziel aus ihrer Sicht mit der Impfpflicht erreicht werden soll? Welcher Ideal-Zustand sollte sich ihrer Meinung nach, nach Beschluss der Impfpflicht und nach einer annähernd 100-prozentigen Impfung der Bevölkerung einstellen?
Welchen Verlauf der Pandemie möchten Sie mit der Impfpflicht erreichen?

Vielen Dank und ein gesundes neues Jahr für Sie.

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Antwort von
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Sehr geehrte Frau K.,

Danke für Ihre Frage, die sicher viele bewegt. Es gibt nicht nur Schwarz und Weiß, sondern viele Stufen dazwischen. Auch eine 100-prozentige Impfquote gegen COVID wird es nicht geben können, weil einige Prozent der Gesellschaft aus medizinischen Gründen nicht geimpft werden dürfen - die wären auch von einer Impfpflicht befreit. Wenn wir es in Deutschland auf 95 Prozent schaffen, wäre dies gut.

Ich kann Ihnen nicht den Idealzustand beschreiben, wenn das Impfziel erreicht wird. Krankheiten sind unberechenbar und wir müssen dauerhaft mit COVID-Varianten leben lernen. Ich bin der Meinung, dass man nicht nur eine Maßnahme (das Impfen) bewerten darf, sondern sich auch die Frage beantworten muss, was denn passieren würde, wenn sich niemand impfen lassen würde. Die Folgen einer kompletten Nichtimpfung sind verheerend. Daher komme ich im Ergebnis der Abwägungen zur allgemeinen Impfpflicht, als einen Weg, mittelfristig wieder mehr Freiheiten und Möglichkeiten für uns alle zu erreichen.

Auch wenn Sie nicht danach fragten, füge ich meiner Antwort noch meine grundsätzlichen Beweggründe an.

Einen Zusammenbruch der Daseinsvorsorge der Energie-, Wasser/Abwasser-, Gesundheits- und Versorgungssysteme muss unsere Gesellschaft vermeiden. Auch Polizei, Feuerwehr und Rettungsdienste müssen arbeiten, Schulen sollten lehren. Corona lässt sich nicht ausrotten, also welche Optionen gibt es, damit nicht zu viele systemrelevante Menschen gleichzeitig ausfallen und die Gesellschaft kollabiert?

Variante Eins - sich ständig wiederholende harte Lockdowns.

Variante Zwei - über Impfungen die Häufigkeit, Schwere und Dauer von Erkrankungen stark verringern.

Immer mehr Menschen sterben inzwischen nicht an, sondern oft wegen Corona, weil notwendige Behandlungen verschoben worden sind und weil sie wegen der Lockdowns den Lebensmut verloren. Erkrankungen verschlimmern sich, weil Heilbehandlungen, weil Krankengymnastik, weil einfach medizinisch sportliche Betätigung eingeschränkt ist.

Ich betrachte einen Lockdown als wesentlich schwereren Eingriff in die Grundrechte als eine Impfpflicht.

Unsere Kinder zahlen den größten Preis der Lockdowns mit Bildungslücken und dem Verlust sozialer Kompetenz durch das Einschränken sozialer Kontakte.

Unsere Jugendlichen werden mit Lockdowns und Einschränkungen um ihre Jugend gebracht und erleben Entsolidarisierung mit ihnen selbst.

Familien werden, auch unabhängig vom Geld, durch Homeoffice mit Kindern zu Hause, mit Kindern ohne Spielkameradinnen und Spielkameraden, seelisch und körperlich überfordert.

Seniorinnen und Senioren vereinsamen aus Angst vor Ansteckung und/oder wegen der Regeln in Isolation.

Die häusliche Gewalt, insbesondere gegen Frauen und Kinder, nahm während der Lockdowns stark zu.

Wie viele Lockdowns soll es noch geben? Solidarität bedeutet für mich, dass man Verantwortung für andere übernimmt und für andere einsteht. Ich hatte lange Geduld mit Menschen, die nachfragen, die zweifeln. Aber die Technik der Impfstoffe von Moderna und Biontech wurde seit über 10 Jahren erfolgreich bei Krebsbehandlungen eingesetzt. Kein Impfstoff, auch kein Medikament, wurde so streng bei milliardenfacher Anwendung überwacht.

Nicht nur ich, sondern Familien, Mitarbeitende im Gesundheitswesen, die bisher schweigende und vor allem mitmachende Mehrheit der Bevölkerung fragen sich: Wo ist die Solidarität der Impfverweigerer mit dem Rest der Bevölkerung - mit uns? Wie lange sollen die Grundrechte aller immer wieder massiv und teilweise permanent eingeschränkt werden? Wegen einer Minderheit, die laut protestiert, mit Scheinargumenten arbeitet und einfachste Statistik und Wahrscheinlichkeitsrechnungen ignoriert? Einer Minderheit, die das Wort Risikominimierung nicht verstehen will? Einer Minderheit, die die gesamte Gesellschaft in Geiselhaft nimmt?

Ein weiterer Lockdown ohne die gleichzeitige Einführung einer allgemeinen Impfpflicht setzt nur das JoJo-Spiel fort und ist daher für mich nicht ausreichend.

Eine Impfpflicht für ausgewählte Berufsgruppen finde ich nicht zielführend, weil dies indirekt impliziert: "die Pflegekräfte, die Pädagoginnen sind schuld." Nein, es ist unsere gesamte Gesellschaft, die versagt und deshalb ist für mich ein Lösungsweg "eine Impfpflicht für Alle".

Eine Impfpflicht verpflichtet auch den Staat, Impfstoffe und Impfmöglichkeiten dauerhaft und ausreichend bereitzuhalten, so wie die Schulpflicht den Staat verpflichtet, das Schulsystem zu finanzieren.

Ich stimme mit Ja zur Allgemeinen Impfpflicht in Deutschland und werde dafür eintreten, dass diese in Europa und in der ganzen Welt kommt – natürlich braucht es da ausreichend Impfstoffe.

Mit freundlichen Grüßen

Ralph Lenkert

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