Frage von Markus D. •

Wie sehen Sie die Rolle von Gentechnik in der (Bio-)Landwirtschaft? Ist das Kriterium der Natürlichkeit sinnvoll, oder wären andere Ansätze besser?

Guten Tag Herr Bär,

die Grünen lehnen den Einsatz von Gentechnik in der Landwirtschaft traditionell ab. Doch könnte diese Technologie, wenn sie verantwortungsvoll und streng reguliert eingesetzt wird, nicht auch der Natur und dem Umweltschutz zugutekommen? Beispielsweise könnten gentechnisch veränderte Pflanzen gezielt so entwickelt werden, dass sie weniger Pestizide benötigen oder widerstandsfähiger gegen extreme Wetterbedingungen bzw. den Klimawandel sind, was den Einsatz von Ressourcen reduzieren könnte.

Ich frage mich allgemein, ob das Kriterium der Natürlichkeit, das in der Biolandwirtschaft eine zentrale Rolle spielt, tatsächlich sinnvoll ist. Ein Beispiel ist der Einsatz von Kupfer als Pflanzenschutzmittel, das zwar "natürlich" ist, aber als Schwermetall ökologisch problematisch. Synthetische Alternativen könnten umweltfreundlicher sein.

Wären andere Kriterien als die Natürlichkeit nicht eventuell sinnvoller?

Portrait von Karl Bär
Antwort von
BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN

Sehr geehrter Herr D.,

wir wollen die Gentechnik-Kennzeichnung auf dem Endprodukt beibehalten, um den Verbraucher*innen die Wahlfreiheit zu lassen. Außerdem wollen wir mögliche Risiken der Gentechnik auf Umwelt und Gesundheit in einem Zulassungsverfahren umfassend prüfen. 

Dementsprechend ist das zentrale Kriterium unserer Politik bezüglich Gentechnik die Sicherheit und damit das Vorsorgeprinzip. Nicht die „Natürlichkeit“, wie von Ihnen behauptet. 

Wir von Bündnis 90/ Die Grünen setzen uns dafür ein, dass Gentechnik auch in Zukunft als Gentechnik gekennzeichnet und reguliert wird. Wir stehen für hohe Umwelt- und Verbraucherschutzstandards. Etikettenschwindel und eine Verwässerung der vorgeschriebenen Risikoprüfung lehnen wir ab. 

Neue Gentechnik hilft nicht nachhaltig gegen extreme Wetterbedingungen. Das liegt allein schon daran, dass es nicht das „eine Gen“ gibt, dass zum Beispiel den Wasserhaushalt einer Pflanze steuert. Der Klimawandel führt auch nicht einseitig zu trockenerem oder nasserem Wetter sondern in beiden Richtungen zu extremeren Wetter. Stattdessen manifestiert und verstärkt mit neuer Gentechnik gezüchtetes Saatgut die Abhängigkeit der Kleinbäuer*innen von der Agrarindustrie. Denn nur die hat die Verfahrenspatente, um neue Gentechnik zu nutzen und die Erzeugnisse auf den Markt zu bringen. Kleine und mittelgroße Züchter*innen können sich zum Beispiel die Patente, die es zur gewerblichen Nutzung von Crispr/Cas braucht, schlichtweg nicht leisten. 

Außerdem wird gentechnisch verändertes Saatgut von vier großen Unternehmen entwickelt, die auch Pestizide und Dünger verkaufen. Eine Pestizidreduktion ist in diesem System weder absehbar noch realistisch. Glyphosatresistente Pflanzen haben z.B. im Ausland im Zeitraum von 1990-2014 zu einer Verdreißigfachung der verwendeten Glyphosatmengen geführt. (Mehr Zahlen und Fakten hierzu: https://home.karl-baer.eu/wp-content/uploads/FactSheet_NGT-fuehren-zu-mehr-Pestizideinsatz-in-der-EU-1.pdf

Anstatt also auf diese Scheinlösungen zu setzen, wollen wir wirklich nachhaltige Lösungen fördern, um widerstandsfähige Anbausysteme aufzubauen, die die Ernten sichern. Dazu gehören: Bodenschutz und Humusaufbau, Bäume und Büsche als Schattenspender und zum Halten von Feuchtigkeit, Fruchtfolgen, Blüh- und Randstreifen und vieles mehr. Abstrakt gesprochen: Wir müssen auf einer höheren Ebene arbeiten und die Landschaften widerstandfähiger machen, anstatt an den Genen einzelner Pflanzen rumzudoktern.

Mit freundlichen Grüßen, 

Karl Bär

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