Helmut Scholz
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Frage von Gerrit D. •

Frage an Helmut Scholz von Gerrit D. bezüglich Gesellschaftspolitik, soziale Gruppen

Hallo und Guten Tag Helmut Scholz!

Nach meinen Recherchen waren Sie in der Vergangenheit bis zur kommenden Wahl
bereits für 10 Jahre Mitglied des europäischen Parlaments. Daraus ergeben sich für
mich vier Fragen.

- Woher kommt ihre ganz persönliche Motivation erneut zu kandidieren?

- Angenommen, sie nähmen in Zukunft kein Mandat, öffentliches Amt, keine
Parteifunktion (die einfache Mitgliedschaft einmal ausgenommen) wahr: Bewerten
Sie ihre eigenen politischen Einflussmöglichkeiten als unter-, durch- oder
überdurchschnittlich?

- Was könnte ihnen helfen sich selbst, die eigenen Hobbys, die Familie/Freunde, den
Wahlkreis, Mitarbeiter_innen, die Partei, die Fraktion, das Parlament, den Beruf
außerhalb des Parlaments zufriedenstellend und im gesunden Ausgleich „unter einen
Hut“ zu bekommen?

- Welche Erfahrungen, Kenntnisse oder Fähigkeiten aus ihrem politischen Leben
waren/sind in ihrem beruflichen Alltag hilfreich (gewesen)?

Herzlichen Dank für die Aufmerksamkeit!

Europäische Grüße
G. D.

Helmut Scholz
Antwort von
DIE LINKE

Sehr geehrte Frau G. D.,

Danke für Ihre vier Fragen, die ich Ihnen nachfolgend gern beantworte.

- Woher kommt ihre ganz persönliche Motivation erneut zu kandidieren?

Es verbleiben nur noch 11 Jahre, um die in den Vereinten Nationen vereinbarten Nachhaltigkeitsziele (SDGs) zu erreichen und die Agenda 2030 umzusetzen. Das Europaparlament muss die kommenden Jahre intensiv nutzen, um seinen Beitrag für einen Erfolg zu leisten. Gemeinsam mit meinem kompetenten Team bin ich bereit, meine Erfahrung einzubringen und darauf zu drängen, das Erreichen der SDGs inklusive der Eindämmung des Klimawandels zum entscheidenden Gradmesser für den Erfolg der Politiken auf europäischer Ebene zu machen.

- Angenommen, sie nähmen in Zukunft kein Mandat, öffentliches Amt, keine
Parteifunktion (die einfache Mitgliedschaft einmal ausgenommen) wahr: Bewerten
Sie ihre eigenen politischen Einflussmöglichkeiten als unter-, durch- oder
überdurchschnittlich?

Ganz klar überdurchschnittlich. Wer als ehemaliger Europaabgeordneter um den Erhalt seines Netzwerkes bemüht bleibt, hat sicherlich weiter viele Möglichkeiten, sich einzubringen. Zudem sehe ich es als eine Aufgabe an, das eigene Wissen weiterzugeben. Das kann in Form von Artikeln und Vorträgen erfolgen, aber sicher auch im Rahmen von Gesprächen mit der nachfolgenden politischen Generation. Solange die Gesundheit es zulässt, ist das Leben voller Gelegenheiten, sich zu engagieren.

- Was könnte ihnen helfen sich selbst, die eigenen Hobbys, die Familie/Freunde, den
Wahlkreis, Mitarbeiter_innen, die Partei, die Fraktion, das Parlament, den Beruf
außerhalb des Parlaments zufriedenstellend und im gesunden Ausgleich „unter einen
Hut“ zu bekommen?

Es wäre sicherlich sehr hilfreich, wenn das Europäische Parlament seinen Sitz nach Zeuthen in Brandenburg verlegen würde. Die gesparte Reisezeit könnte ich dann meiner Familie widmen. Ich höre allerdings schon meine Mitarbeiter munkeln, dass ich die Zeit dann wahrscheinlich doch eher mit noch mehr Arbeitsstunden auffüllen würde. Aber im Ernst: es macht keinen Sinn zu leugnen, dass das Leben eines Europaabgeordneten sehr viele Opfer im privaten Bereich verlangt. Ohne die Unterstützung des persönlichen und beruflichen Umfeldes wäre der Job gar nicht zu schaffen. Ein Mandat im Europaparlament ist eine besondere Aufgabe und für alle Beteiligten sicherlich auch eine andere Art zu leben und zu arbeiten. Wahrscheinlich tragen wir alle einen etwas anderen Hut.

- Welche Erfahrungen, Kenntnisse oder Fähigkeiten aus ihrem politischen Leben
waren/sind in ihrem beruflichen Alltag hilfreich (gewesen)?

Ich habe in meinem politischen Leben gelernt, wie wichtig es ist, zuzuhören und die Erfahrungen des Gegenübers anzuerkennen. Gerade in der Arbeit im Europäischen Parlament ist das sehr wichtig. Wir arbeiten mit anderen Abgeordneten in einem Umfeld der kulturellen, sprachlichen und politischen Vielfalt. Es gibt wechselnde Mehrheiten und das gute Argument hat häufig auch dort noch eine Chance, wo es im Bundestag schon an Parteigrenzen gescheitert wäre. Zudem fand mein politisches Leben immer schon im internationalen Kontext statt. Das hilft mir dabei, über die Grenzen der Europäischen Union hinaus zu denken und den historischen Augenblick zu begrüßen, vor dem Europa jetzt steht und in dem es seine neue Rolle definieren muss. Denn Europa kann sich nicht länger an die Vorstellung klammern, es sei Herrscherin der Welt. Solches Denken überlassen wir besser den Trumps und Konsorten. Die Welt meines Enkels soll eine Welt sein, in der Europa gleichberechtigt mit seinen Partnern in China, in Indien, in Russland, in Südamerika, in Nordamerika und in Afrika und Arabien die großen Herausforderungen der Menschheit angeht. Wir müssen dies lernen, um Konfrontation zu verhindern. Denn um es mit Einsteins Gedanken auszudrücken: ich weiß nicht, mit welchen Waffen der nächste Krieg geführt werden wird, ob es mit Kampfrobotern oder neuen Kernwaffen sein wird, aber ich weiß, dass es im Krieg danach wieder Steinschleudern sein würden.

Mit freundlichen Grüßen,
Ihr Helmut Scholz