Von wem und wann würde, laut Reformvorhaben der Regierung, die unbezahlte Carearbeit, das Fundament unserer Wirtschaft, getan werden, wenn mehr Zeit für Erwerbsarbeit genutzt werden würde?
Sehr geehrte Frau Klose,
es ist erschütternd mitzuerleben, mit welcher Selbstverständlichkeit die aktuellen Reformen der Regierung die Menschen unbeachtet lässt, deren Arbeit in Deutschland das Fundament der Wirtschaft bildet und wirtschaftlichen Erfolg erst möglich macht: Die Menschen, die unbezahlte Carearbeit leisten. Diese Menschen halten mit ihrer Arbeitsleistung nachweislich die deutsche Wirtschaft am Laufen und mehr noch: Deutschland verdankt diesen Menschen, dass es zu einer der bedeutendsten Wirtschaftsnationen der Welt werden konnte. Heute sind viele dieser Menschen von Altersarmut betroffen oder bedroht.
Sie verspielen weiterhin Vertrauen in Ihre Person, in Ihre Partei und, das Schlimmste, weil brandgefährlich, in unsere Demokratie, wenn Ihre Partei die lückenhaften Darstellungen der CDU zum Thema "arbeitende Bevölkerung" übernimmt. Ja, wir werden in unserer überalternden Gesellschaft alle mehr Arbeit leisten müssen, mehr Carearbeit. Wer sonst soll sie in Zukunft tun?
Sehr geehrte Frau F.,
vielen Dank für Ihre Nachricht zu diesem sehr wichtigen Thema.
Die ungleiche Verteilung der Care-Arbeit zeigt aus meiner Sicht sehr deutlich, dass wir nach wie vor nicht einer vollends gleichberechtigen Gesellschaft leben. Dieses Thema begleitet mich als Feministin und Politikerin bereits die gesamte Zeit meiner politischen Arbeit. Die fehlende Gleichberechtigung drückt sich dabei unter anderem auch im Gender Pay Gap oder der sexualisierten Gewalt im analogen und digitalen Raum aus.
Daher ist es immer noch enorm wichtig, dass Demonstrationen wie am 08. März oder auch in den letzten Wochen stattfinden und es ermutigt mich, dass so viele Menschen hieran teilnehmen und Haltung zeigen. Denn gleichzeitig erleben wir in einigen Teilen unserer Gesellschaft ein Rollback zu einer wieder konservativeren Idee der Geschlechter, was sich im politischen Raum auch an den starken Ergebnissen für die AfD, aber auch in Teilen der Union widerspiegelt.
Deshalb ist es von hoher Bedeutung, dass Themen wie die ungleiche Verteilung der Care-Arbeit in der gesellschaftlichen Diskussion bleiben. Nur so kann sich gesellschaftliches Denken und die Kultur in diesen Fragen ändern. Gleichzeitig müssen sich die politischen Rahmenbedingungen verändern, sodass Anreize für eine gerechtere Verteilung der Care-Arbeit entstehen sowie dass diese auch mehr eingefordert wird, wie z.B. beim Elterngeld. Dabei muss es auch um veraltete Anreize gehen, die konservative Rollenverteilungen befördern, wie z.B. beim Ehegattensplitting. Schlussendlich muss es zudem um eine finanzielle Würdigung von Care-Arbeit gehen, um diese Leistung stärker anzuerkennen, etwa bei Rentenansprüchen oder dem Pflegegeld etc.
Als SPD haben wir bereits diverse Beschlusslagen zu diesen Themen und bringen diese Themen immer wieder in die politische Debatte ein. Die aktuellen Mehrheitsverhältnisse lassen leider zum jetzigen Zeitpunkt keine Umsetzung dieser Vorschläge zu. Daher muss es unser Ziel sein, weiterhin für gesellschaftliche sowie politische Mehrheiten zu kämpfen, um eine endlich gleichberechtigte Gesellschaft zu erreichen.
Ich hoffe, ich konnte Ihnen meine Gedanken zu diesem Thema verdeutlichen. Mir liegt der Austausch mit engagierten Menschen sehr am Herzen und ich betrachte diesen als Bereicherung für meine parlamentarische Arbeit.
Mit freundlichen Grüßen
Annika Klose

